ZEITGESCHICHTE / BERNADOTTE-MÖRDER Falscher Brief
»Den Besuch des Mörders in Dänemark lehnen wir ab«, protestierte der dänische »Reichsbund der KZ-Häftlinge von Neuengamme«. Und er betonte: »Mit Abscheu.«
Der Abscheu richtet sich nicht gegen einen Nazi, sondern gegen den israelischen Journalisten und Kinderbuch-Autor Baruch Nadel, 44 -- und gegen sein neuestes Buch, das kein Kinderbuch ist: Nadel enthüllt, wer vor 22 Jahren den Uno-Vermittler Folke Bernadotte umbrachte.
Folke Graf Bernadotte von Wisborg, Präsident des Schwedischen Roten Kreuzes, Neffe des damaligen Schwedenkönigs Gustaf V. und Vetter des heute regierenden Gustaf VI. Adolf, sollte im ersten jüdisch-arabischen Waffengang um Palästina schlichten. Im September 1948 wurde er in der Jerusalemer Altstadt erschossen.
Die Israelis konnten die Mörder offiziell nie finden. Jetzt, nach Ablauf der israelischen Verjährungsfrist, präsentiert sich der Journalist Nadel als Mittäter. Er habe den Anschlag geplant. Ausgeführt worden sei er von vier Mann der radikalen »Stern -- Gruppe, die zuvor auf das Liquidieren von Offizieren der Palästina-Mandatsmacht England spezialisiert war.
Baruch Nadels Beichtbuch kam bereits vor zwei Jahren in Israel auf Hebräisch heraus, fand indes kaum Käufer. Erst jetzt geriet es In Dänemark zur Sensation.
Zwar liefert der Kopenhagener Verlag Branner & Korch die dänische Ausgabe erst Anfang November aus. Aber die dänische Übersetzerin, Hanne Kaufmann, resümierte den Inhalt in der zweiten September-Woche. auf einer Pressekonferenz.
Dänemarks KZ-Überlebende, die von Folke Bernadotte 1945 in Neuengamme mit Freßpaketen aufgepäppelt und mit Bussen abgeholt wurden, protestierten. Sie sind empört, daß »der Mörder« zur Buch-Premiere nach Dänemark kommt und nach ihrem Wohltäter jetzt auch noch dessen Ruf mordet, Und: Es sei »nicht zu fassen, daß ein dänischer Verlag sich dazu hergebe, diese Schmähschrift« zu verbreiten.
In der Tat strotzt das Buch von Nadel-Stichen gegen den Nachruhm des prominenten Toten.
Vermittler Bernadotte hatte Auftrag gehabt, der Uno-Zentrale über die Lage zu berichten. Er sollte Friedenspläne entwerfen und Vorschläge zur Aufteilung Palästinas unter die Streitparteien kommentieren.
Die direkt Betroffenen -- Juden und Araber -- lehnten alles ab, was ihm einfiel. Jeder wollte ganz Palästina ganz für sich.
Nadel über jene Tage: Der Graf erwies sich als überzeugter Judenhasser und Araberfreund. Er versuchte Teilungspläne zum Nachteil Israels zu ändern, votierte für die Internationalisierung Jerusalems. Kurz: Er habe die proarabische Politik der Briten gefördert.
Diesen Steckbrief erließ Nadel bereits 1948 nach der Lektüre von Dokumenten über Bernadottes Aktivitäten. Britische Geheimagenten, so sagt er heute, hätten sie ihm zugespielt und damit das Attentat bestellt: Bernadottes Ermordung sollte die Welt gegen Israel aufputschen, um die araberfreundliche Politik der Briten zu erleichtern.
Gegen Nadels Behauptung, der Schwede sei Antisemit gewesen, erhob Stockholms Mosaische Gemeinde prompt Protest, ebenso Direktor Gilel Storch, der den Jüdischen Weltkongreß und das Jüdische Rettungskomitee in Schweden vertritt. Mit Storch hatte Bernadotte bei der Rettung jüdischer KZ-Insassen 1945 eng zusammengearbeitet. Proteste hagelte es auch gegen ein den Grafen belastendes, ominöses Papier, das Nadel dennoch als Beweis präsentiert: die angebliche Kopie eines angeblichen Bernadotte-Briefes an den Reichsführer-SS Heinrich Himmler. Datum: 10. März 1945.
Nach der Kopenhagener Pressekonferenz der dänischen Übersetzerin stand in den Zeitungen, im angekündigten Buch werde ein Faksimile des Briefes publiziert. Verleger Mogens Uffe Korch hingegen zum SPIEGEL: »Ich kann nicht sagen, ob es ein Faksimile enthalten wird.«
Die »Kopie« geistert seit Kriegsende durch die Zeitgeschichte. Schwedens Regierung fahndete nach dem Original. Es wurde auch In Außenministerium und Kongreß-Bibliothek der USA, von denen großdeutsche Regierungs- und Parteidokumente verwahrt werden, nicht gefunden.
1958 erklärte das Stockholmer Außenministerium in einem Weißbuch über die schwedische Rettungs-Expedition in die deutschen Konzentrationslager*: »Der Brief ist ganz offensichtlich eine Fälschung.«
Damals, 1956, druckte Stockholms »Dagens Nyheter« mit kritischem Begleittext, was der blonde Graf dem schwarzen KZ-Herrn geschrieben haben soll (aus dem Schwedischen übersetzt):
Sehr geehrter Herr Himmler!
Die Juden sind in Schweden ebensowenig erwünscht wie in Deutschland. Deshalb verstehe ich Sie völlig hinsichtlich der Judenfrage. Wie mir Medizinalrat Kersten mitteilte, haben Sie ihm gegenüber 5000 luden zum Transport nach Schweden freigegeben**.
Das ist mir nicht recht, denn ich will keine Juden transportieren. Aber da ich mich offiziell nicht weigern kann, bitte ich Sie, das zu tun, Herr Himmler. Medizinalrat Kersten hat keinerlei Auftrag, über die Freigabe von Juden zu verhandeln, das tut er von sich aus. Ich habe auch nichts für die Überstellung von Franzosen, Holländern und Belgiern übrig.
Ich würde mich sehr freuen, so viele Norweger und Dänen und auch Polen wie möglich in den weißen Rot-Kreuz-Bussen noch Schweden mitzunehmen. Wie mir Medizinalrat Kersten sagte, sollen Sie, Herr Himmler, bereit sein, alle Skandinavier freizugeben, falls Sie vorher in Neuengamme zusammengezogen werden.
General Schellenberg ist so freundlich, Ihnen diesen Brief persönlich zu übergeben, damit er nicht in falsche Hände gelangt.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
10. März 1945 F. Bernadotte
Nadels Chuzpe, diesen Text als Geschichtsquelle und zur Rechtfertigung seines Mordbefehls zu nutzen, wurde
* 1945 ars svenska hjälpexpedition till Tyskland«, Dokumente, herausgegeben vom königlichen Außenministerium; Stockholm:
1956.
** Felix Kersten war Himmlers Masseur. Weil er dessen Magenschmerzen zu lindern vermochte, hatte er auf ihn großen Einfluß. Kersten -- in Estland geboren, finnischer Staatsbürger -- hielt sich um 1944/45 in Schweden aus. Er reiste jeweils auf Bestellung zu Himmler und nutzte im Auftrag Stockholms die Gelegenheit, auf Freilassung von KZ-Gefangenen zu drängen.
jetzt von »Dagens Nyheter« angeprangert. Und »Svenska Dagbladet« wunderte sich: In dem Augenblick, da sich Israel zu Recht über den Terror palästinensischer Flugzeugentführer entrüste, werde in Kopenhagen »eine bemerkenswerte israelische Rechtfertigung« des Bernadotte-Mords angekündigt.
Das Stockholmer Blatt findet in Nadels Buch den seit 1948 in Schweden gehegten Argwohn bestätigt: »Daß die Aufklärung des Mordes durch Israel hinkte.«
Offiziell stellte dies Schwedens Generalstaatsanwalt Maths Heuman vor 20 Jahren fest. Sein 68-Seiten-Gutachten Über den von Israel übermittelten Fahndungsbericht liest sich wie eine Nachhilfe-Fibel für zurückgebliebene Kriminalisten. Die Israelische Mordkommission ging, wenn sie nicht dilettantisch war, jedenfalls dilettantisch ans Werk.
Nadel heute: »Die Regierung hat uns gewisse Hilfe gewährt. Jedenfalls wollte sie uns nicht fassen.« Und: Das Magazin einer Maschinenpistole, das ein Attentäter am Tatort verlor, wurde »durch die Polizei von Fingerabdrücken gesäubert«, Nadel »bereut nicht im geringsten«, daß Bernadotte starb: »Es war ein gerechter Mord.«
Das amtliche Israel ist über die Neubelebung der Bernadotte-Mord-Debatte durch Nadels Dänemark-Ausgabe ebensowenig erfreut wie vor zwei Jahren über die Israel-Ausgabe.
Der dänische Verleger hingegen lobte: »Eine im höchsten Grade seriöse historische Schilderung«, die Bernadottes »humanitäres Image nicht speziell antastet«. Diese Verlegersprüche waren speziell an Dänemarks KZ-Häftlinge gerichtet, weil sie gegen Nadels Bernadotte-Bild und die Neuvorlage des Bernadotte-Briefs protestiert hatten.
Im Weißbuch des schwedischen Außenamts findet sich ein Indiz gegen die Echtheit dieses Briefes: Der Graf hatte Regierungsauftrag, vorerst nur die Tausende Norweger und Dänen, auch jüdische, sowie ein paar Schweden bei Himmler freizubekommen.
Die Zusage an Bernadotte und Felix Kersten, auch nichtskandinavische Juden ausreisen zu lassen, gab Himmler aber erst in der zweiten Aprilhälfte 1945, mithin: erst fünf Wochen nach dem Datum des angeblichen Briefes, dem 10. März.
Ein Weiteres Indiz ist ein weiterer -- der vorletzte -- Absatz im Bernadotte-Brief an Himmler:
Ihre V-Waffen schießen schlecht auf London. Ich füge eine Skizze über die Plazierung britischer militärischer Vorratslager bei.
So dumm, argumentiert man in Skandinavien, kann der Graf von Wisborg -- zwei Monate vor Kriegsende -- einfach nicht gewesen sein.