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ZEITGESCHICHTE Hoffnungslos dazwischen

Nazi-Akten geben neue prominente Namen preis - doch die Mitgliedskarten der NSDAP besagen nichts über Schuld oder Verstrickung der damals 16- oder 17-Jährigen.
Von Malte Herwig
aus DER SPIEGEL 29/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Nachrichten aus dem Reich waren unbefriedigend, ja alarmierend. Meldungen trafen ein, »nach denen bei einer nicht geringen Anzahl Jugendlicher die Einstellung zur Parteiaufnahme zu wünschen« übriglasse. Von den Veranstaltungen, zu denen sie befohlen wurden, seien sie »nicht innerlich gepackt«, nur ein kleiner Teil erlebe die Partei »in positiver und überzeugender Weise«.

Viele Jugendliche, hieß es weiter, leiteten aus der Erkenntnis der »Fehler und Mängel das Recht ab, der Partei den Rücken zu kehren«. Es sei sogar vorgekommen, dass sie »die Aufnahme in die Partei bewusst ablehnten«. Kurzum: Die Zahl der jungen HJ-Mitglieder, die der Aufnahme in die NSDAP gleichgültig gegenüberstünden oder sie ablehnten, sei »so groß, dass sie nicht übersehen werden« dürfe, warnte der Sicherheitsdienst der SS in einem geheimen Lagebericht für die Parteiführung vom 12. August 1943.

Das Tausendjährige Reich der Nationalsozialisten war schon dem Untergang geweiht, und Hitler gingen die Helden aus. Eine Quote musste her. Hitlers Sekretär Martin Bormann ordnete an, dass 30 Prozent der Jungen eines Jahrgangs in die NSDAP übernommen werden sollten; mit einem Erlass vom 11. Januar 1944 setzte er das Aufnahmealter für den Parteieintritt der Hitlerjungen von 18 auf 17 Jahre herab. Anfang 1944 richtete Reichsjugendführer Artur Axmann überall Aufnahmefeiern aus, bei denen die Angehörigen der Jahrgänge 1926 und 1927 in die NSDAP übernommen wurden.

Als halbe Kinder gerieten die Flakhelfer, Arbeitsdienstler und Schüler in die Untergangsmaschine des Dritten Reichs. Nun steht ihre Generation unter Generalverdacht, seit die NSDAP-Mitgliedskarten von Martin Walser, Dieter Hildebrandt und Siegfried Lenz bekannt wurden. »Man kann Sex haben, ohne zu penetrieren, Haschisch rauchen, ohne zu inhalieren - aber kann man auch Mitglied der NSDAP gewesen sein, ohne es zu wissen?«, fragte die »Neue Zürcher Zeitung« höhnisch. Die »Welt« druckte sogar eine Hitliste von Verdächtigen und spekulierte drauflos: »Was wird wohl noch herauskommen?« Den Anstoß für die neue Enthüllungswut gab vergangenes Jahr Günter Grass mit seinem späten Bekenntnis, in der Waffen-SS gewesen zu sein. Wenn sogar der, wer nicht? Wer sonst noch hatte vergessen und verdrängt, wofür er sich als Jugendlicher gemeldet oder wozu er genötigt worden war?

Deutschland erlebt wieder einen Sommer der Erinnerung - und der Kreis prominenter Beteiligter wird größer. Wie eine Recherche des SPIEGEL in der Mitgliederkartei der NSDAP im Bundesarchiv ergab, wurden dort zahlreiche prominente Angehörige der Jahrgänge 1925 bis 1927 als Parteigenossen geführt.

Die Namen lesen sich wie ein Who's who aus Wissenschaft, Kunst, Politik und Medien: Dabei sind der SPD-Politiker Horst Ehmke, der Journalist Peter Boenisch, der Soziologe Niklas Luhmann (alle drei Jahrgang 1927), der Philosoph Hermann Lübbe, der Literaturwissenschaftler Wolfgang Iser (beide Jahrgang 1926) sowie der Bildhauer Günther Oellers und der Dramatiker Tankred Dorst (beide Jahrgang 1925).

Unterschriebene Aufnahmeanträge liegen in keinem Fall vor. Alle vier noch lebenden Beteiligten sagten dem SPIEGEL, dass sie keine Erinnerung daran hätten, je einen Aufnahmeantrag gestellt zu haben. Boenisch, Luhmann und Iser sind tot.

Die Bedeutung der NS-Karteikarten ist unter Experten umstritten. Nicht jeder teilt die Ansicht der NS-Forscher Michael Buddrus und Armin Nolzen, die eine Parteiaufnahme ohne eigenhändig unterschriebenen Antrag für unwahrscheinlich halten. »Es ist denkbar«, sagt der Historiker Hans-Ulrich Wehler, »dass bestimmte Gauleiter telefonisch durchgaben, dass die HJ-Führer, die noch da waren, angemeldet werden sollten.« Für die Jahrgänge 1926 und 1927 sei eine Aufnahme ohne Wissen der Beteiligten möglich gewesen. »Empirische Beweise gibt es dafür aber noch nicht.«

Auch der Historiker Norbert Frei hält eine unwissentliche Mitgliedschaft für möglich. »Es gab augenscheinlich beides: die strenge Ordnungsrhetorik des Aufnahmeprocederes und die schlampige Realität der Aufnahmen.«

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass lokale NS-Chargen allzu eifrig bei der Parteiwerbung unter Hitlerjungen vorgingen. Im November 1944 rügte die Reichsjugendführung jedenfalls »Überschreitungen von 50 bzw. gar 100 %, wie sie in einzelnen Gebieten und Bannen bei der Aufnahme der Geburtsjahrgänge 1926 und 1927 vorgekommen« seien.

Der Name des Schülers Horst Ehmke etwa findet sich auf einer Liste mit insgesamt 1895 Personen aus dem Gau Danzig-Westpreußen. Der spätere Justizminister in der großen Koalition und Kanzleramtschef unter Willy Brandt soll laut Karteikarte am 10. Februar 1944 den Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt und am 20. April als Mitglied Nr. 9842687 aufgenommen worden

sein. »Ich habe nicht gewusst, dass ich in der Kartei geführt werde«, sagte Ehmke dem SPIEGEL, »und ich habe auch keinen Antrag gestellt.«

Allerdings liegt im Bundesarchiv auch ein Antwortschreiben des NSDAP-Aufnahme-Amts vom 20. Mai 1944 an den Reichsrevisor in Danzig. Darin wird die Ausstellung von nur 1892 Mitgliedskarten mitgeteilt. Die Anträge von drei Hitlerjungen wurden zurückgesandt, »da jeweils die eigenhändige Unterschrift fehlt« - Ehmkes Name ging offensichtlich durch.

Auch Lübbe, dessen mutmaßliche NSDAP-Mitgliedschaft bereits früher im Gespräch war, kann sich nicht erinnern, je eine Unterschrift geleistet zu haben. Er will es aber auch nicht ausschließen: »Ich habe nichts dagegen, wenn mir jemand sagt, ich hätte das dann ja gut verdrängt«, sagt der Philosoph, »aber von dieser Kategorie der Verdrängung Gebrauch zu machen heißt, sich abzuschneiden von der Kenntnisnahme dessen, wie es in der Nazi-Zeit wirklich gewesen war.«

Sicher fügten sich viele Jugendliche einer so empfundenen Notwendigkeit oder dem Gemeinschaftsdruck; manche mögen ihre Teilnahme an einer Sammelaufnahme als lästige Routine erlebt und vergessen haben, etwa wenn sie nach einer aufmunternden Rede geschlossen zum Parteieintritt gedrängt wurden. »Alle dafür? Jemand dagegen?« - das hätte mehr Eigenständigkeit verlangt, als der Masse der 16- oder 17-Jährigen zuzumuten war.

Darin liegt das Dilemma der Debatte über Karteikarten und Unterschriften: Nie schienen die Heutigen weiter davon entfernt, zu wissen, »wie es wirklich war«, als im Fall der nun 80-Jährigen, dieser Generation, die, bindungslos und verstrickt zugleich, nach dem Zusammenbruch die Bundesrepublik aufbaute und bis heute prägt.

In ihrer persönlichen Geschichte, schrieb der Soziologe Heinz Bude, spiegele sich die Geschichte Nachkriegs-Deutschlands: »Sie waren dem Schuldzusammenhang der deutschen Geschichte gnädig entronnen und spürten doch ihre Verstrickung darin: hoffnungslos dazwischen.«

Nun wird die kollektive Erinnerung von Karteikarten eingeholt, deren Aussagewert unklar ist und die nichts über individuelle Schuld oder Verantwortung oder Leichtfertigkeit aussagen. Die NS-Bürokratie funktionierte gut und liefert bis heute archivalische Altlasten.

Das hat der SPD-Mann Ehmke schon einmal erfahren, als ihm bei einem Besuch der Wehrmachtsauskunftsstelle seine Krankenakten mit oral und rektal gemessenen Fieberdaten aus dem Feldlazarett präsentiert wurden: »So sind die Deutschen, hat meine Prager Frau da zu mir gesagt, sie machen die ganze Welt kaputt und sich selbst«, erzählt Ehmke. »Aber die Akten, oral und rektal, die sind da.« MALTE HERWIG

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